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18.09.2020
Christa Schnabl im Gespräch mit Irene Schwarz, 18. September 2020

Ich besuche Christa Schnabl in ihrem Haus in Graz. Dieses Haus ist wie Christa: gut durchdacht, voll positiver Energie und voll Wärme

Irene: Liebe Christa, du hast 40 Jahre und 7 Monate für die GGZ gearbeitet und damit für und mit Menschen gearbeitet. Warum hast du dich vor so vielen Jahren für den Beruf der Pflege entschieden und warum hast du dich für die GGZ als Arbeitgeber entschieden?

Christa: Ich hatte mit zirka 14 Jahren ein Buch über Pflege gelesen und da wusste ich das ist mein Beruf und es war mein Traumberuf. Als mein Sohn zur Welt kam musste ich einen Arbeitgeber finden wo ich bessere Dienstzeiten hatte als im Landeskrankenhaus. Ich habe 1980 im Oktober diplomiert und begann im Landeskrankenhaus Graz auf der Gebärklinik. Kurz darauf wurde ich schwanger, ging in Mutterschutz. Nach der Geburt startete ich recht bald wieder mit der Arbeit – wieder im LKH, Gebärklinik. Da ich mein Kind fast gar nicht mehr gesehen habe, beschloss ich mich zu verändern. Ich kannte die GGZ – damals nur – vom „Hören-Sagen“. Ich habe als Schülerin kein Praktikum dort abgelegt. Ich bewarb mich und begann im Oktober 1981 im Krankenhaus 1 auf der Station C. Meine Vorgesetzten waren damals Frau Oberin H: und Frau Oberschwester E.

Die Pflege von damals lässt sich kaum mit der Pflege von heute vergleichen. Es gab, z. B. einen eignen „Badetrupp“, der nur aus Männern bestand. Dieser kam regelmäßig um die Patient*innen zu baden Während dieser Zeit putzte das Pflegepersonal die Betten, die Kästen und vieles mehr. Pro Patient gab es 1 Waschlappen pro Woche – auch die Handtücher wurden nur einmal in der Woche gewechselt. Es gab keine Inkontinenzprodukte, sondern nur Kautschukunterlagen unter dem Leintuch. Diese Leintücher wurden in regelmäßigen Intervallen gewechselt. Ich bin stolz darauf das wir damals kaum Dekubiti hatten - trotz der geringen Mittel, die wir hatten. Patient*innen wurden kaum mobilisiert. Nach einem Jahr wechselte ich ins Krankenhaus 2 auf die Station A.

 

Irene: Wann veränderte sich die Arbeit als Diplomierte in den GGZ?

Christa: Das Umdenken begann mit der Zusammenarbeit unserer Pflegedienstleiterin Waltraud Haas-Wippel mit unserem neuen Geschäftsführer, Dr. Gerd Hartinger, im Jahr 1999.

Frau Haas-Wippel hat die Pflegedokumentation eingeführt. Das bedeutet(e) mehr Qualität und mehr Sicherheit für Patient*innen und für Mitarbeiter*innen. Vorher gab es ein Heft für alle Patient*innen auf der Station, wo Ärzt*innen und Pflegepersonal ihre Notizen hineinschrieben. Es war nicht einheitlich geregelt, wann, was zu notieren ist.

Strukturierte Besprechungen lösten „Kurz-/Kurzbesprechungen“ bei der Dienstübergabe ab. Die monatlichen Treffen für Stationsleitungen wurden inhaltlich überarbeitet.

Dr. Hartinger sorgte dafür, dass jede Station mit einem Computer ausgestattet wurde. Herr Hohensinner entwickelte den elektronischen Dienstplan – das GraphDi.

 

Irene: Beschreib uns deinen Weg zur Stationsleiterin.

Christa: (lacht) Das liegt für mich eigentlich immer noch „im Grauen“. Am 30. April 1990 kam die Oberin Kreuch zu mir (ich hatte B-Dienst) und fragte mich, ob ich diese Station übernehmen will. Ich antworte: „Wir haben doch die Edelgard!“ Die Oberin: „Gut, dann ist das in Ordnung – sie sind ab 1. Mai Stationsleiterin der Station A. Stationsschwester Edelgard übernimmt eine andere Station.“

 

Irene: Wie bist du mit der neuen Herausforderung umgegangen und wie hat sie dich geprägt?

Christa: Ja, da kam einiges auf mich zu. Ich musste berufsbegleitend den Kurs machen, damit ich diese Funktion überhaupt ausführen konnte. Ich hatte auch z. B. keine Ahnung von Arbeitsrecht oder wie man einen Dienstplan schreibt – vieles habe ich mir selbst beigebracht, in dem ich die alten Unterlagen studierte. Auch lernte ich bei der Ausbildung das Arbeitsrecht, das bei der KAGes angewendet wird – einiges ist jedoch bei den GGZ wieder anders.

 

Irene: Wie haben deine Kolleginnen und Kollegen die Veränderung aufgenommen?

Christa: Das war schon etwas schwierig. Erstens war ich ja eine von ihnen und habe im Team gearbeitet – jetzt war ich plötzlich ihre Vorgesetzte. Dazu war ich viel jünger als viele meiner Kolleg*innen. Damals hatte auch das Wort oder die Meinung der Stationsgehilf*innen mehr Gewicht als das der Diplomierten, z. B. in der Pflege / Arbeitsabläufe…

 

Irene: Wie hast du Beruf und Familie vereinbaren können?

Christa: Da hatte ich Glück. Meine Mutter ging bald in Pension und kümmerte sich tagsüber um meinen Sohn. So konnte ich meinen Beruf und meine Führungsfunktion ausüben. Auch kam mir der Dienst von 06:00 bis 14:00 Uhr entgegen – ich hatte damit am Nachmittag und am frühen Abend Zeit für mein Kind.

 

Irene: Du warst 30 Jahre Stationsleiterin. Was hat dich motiviert und wo liegen die Unterschiede für eine Stationsleiterin von heute und vor zirka 30 Jahren?

Christa: Ich habe einfach immer sehr gerne gearbeitet. Es war mir wichtig, trotz Führungskraft immer Kontakt zu den Patientinnen und Patienten zu haben. Wie schon gesagt, vieles habe ich mir selbst erarbeitet. Fortbildungen hat es kaum gegeben – auch das wurde erst mit Frau Haas-Wippel und Herrn Dr. Hartinger schrittweise aufgebaut.

 

Irene: Die Albert Schweitzer Kliniken I und II wurden gebaut. Wie wirkte sich das auf dich aus?

Christa: Ich übernahm in der Albert Schweitzer Klinik die AG/R-Station C. Die Frage, welches Personal nehme ich mit, musste beantwortet werden. Ein paar Kolleginnen und Kollegen wechselten mit mir. Plötzlich erklärte mir die Pflegedienstleiterin Langmann, dass das ganze Personal ausgetauscht wird –. Nur eine Diplomierte aus meinem alten Team blieb auf meiner Station.

Nun arbeitete ich mit einem sehr jungen Team. Alle waren frisch ausgebildet, engagiert – ihnen fehlte jedoch die praktische Erfahrung viele kamen direkt von der Schule zu uns – also keine praktische Erfahrung. Im Durchschnitt sagt man, braucht eine Diplomierte zirka ein Jahr, bis sie eingearbeitet ist. Ich habe täglich mit meinem neuen KollegInnen gearbeitet bis ich die Verantwortung für die Pflege delegieren konnte.

 

Irene: Konntest du „frei“ arbeiten?

Christa: Was ich sehr geschätzt habe: Meine Vorgesetzten haben sich in meine Arbeitsweise und in meine Art zu führen nicht eingemischt. Man hat mich arbeiten lassen und mir vertraut. Natürlich war es selbstverständlich, dass gesetzliche Vorgaben und GGZ-interne Vorgaben von mir eingehalten wurden. Und doch muss man als Stationsleitung immer wieder als Filter zwischen der Anweisung von oben und der Umsetzung im Team fungieren. Man kann nicht alles 1 zu 1 umsetzen – vor allem nicht ohne es zu erklären. Ich suchte oft „die Zuckerl“ für meine Mitarbeiter*innen heraus. Führen heißt für mich auch, sich in der Mitte zu treffen. So profitieren die meisten zum Wohle unserer Patient*innen.

 

Irene: Was war dir noch wichtig?

Christa: Ich wusste immer, dass die GGZ nur als Ganzes funktionieren. Ich brauche meine Mitarbeiter*innen in der Pflege, aber ich brauche auch die Ärzt*innen, Therapeut*innen, die Kollegen vom Haus- und Transportdienst sowie vom Technischen Dienst usw. Nur so kann unser Ziel für geriatrische Menschen da zu sein, erreicht werden. Das habe ich auch gegenüber Patienten oder Angehörigen vertreten, die manchmal schon ganz schön aggressiv und fordernd sein können. Es war mir wichtig hinter und bei Bedarf vor meinen Mitarbeiter*innen zu stehen – sie zu stärken und sie zu schützen.

Als Stationsleiterin ist man die Brücke zwischen Management und Mitarbeiter und die Brücke zwischen Pflegefachkraft und Patient. In dieser Funktion brauche ich Zeit um den Menschen zu sehen – zu sehen, ob alles in Ordnung ist oder ob er meine Unterstützung braucht. Ich bin ebenfalls davon überzeugt: Wenn ich von jedem die Stärken hervorhebe, dann versickern die Schwächen.

Ein Beispiel: Der Computer war und ist nicht mein bester Freund. „GraphDi“ war schon eine Herausforderung für mich. Ich lernte zwar das Wie – aber nie das Warum. Eine junge Kollegin aus meinem Team arbeitete sehr gern mit dem PC, also delegierte ich Aufgaben. Sie konnte ihre Stärke einsetzen und ich hatte wieder etwas mehr Zeit für meine Mitarbeiter*innen und PatInnen.

 

Irene: Wie wirkte sich das langfristig aus?

Christa: Darauf bin ich wirklich stolz. Es gab keine Fluktuation auf meiner Station, die aufgrund von Unzufriedenheit, nicht gelösten Konflikten usw. berührte.

Meine Mitarbeiter*innen sagten auch immer „ich bin wie eine Mutter zu ihnen!“ – und das haben sie positiv gemeint. Das strukturierte Mitarbeiter*innen-Gespräch ist sicher wichtig. Aber wenn es jemanden nicht gut geht, muss ich das rasch erkennen und mit dem Mitarbeiter sprechen. 5 Monate später kann es wirklich zu spät sein.

 

Irene: Wie stark war (ist) der Wandel der Aufgaben und Abläufe in der Pflege wirklich?

Christa: Früher war es so: Wenn ich nach dem Dienst nach Hause ging, war für mich die Arbeit erledigt. Ich konnte loslassen. In der letzten Zeit nahm ich aber immer mehr Fragen aus meinem beruflichen Umfeld mit nach Hause: „Habe ich alles gemacht? Habe ich etwas vergessen?“ Die Fülle der Aufgaben passte nicht mehr in einen Arbeitstag, in eine Arbeitswoche.

Mit den vielen neuen Angeboten und Abläufen der GGZ haben sich natürlich auch die Aufgaben verändert. Ich verbrachte mehr Zeit in Besprechungen und wurde mehr und mehr in meiner Führungsrolle an den Computer – also in meinem Büro – gebunden. Das brachte mich immer mehr weg vom Patienten. Ich kannte nun zwar die Namen jener, die auf meiner Station lagen, aber nicht mehr ihre Gesichter.

Ich habe meine Mitarbeiter*innen oft wochenlang nicht gesehen. Ich habe sie nur mehr angerufen, wenn sie schon wieder einmal einspringen sollten. Da geht viel verloren: Das Danke, das Loben! Wenn man diesen Augenblick verpasst, kann man ihn nicht mehr nachholen – ein Danke nach zwei, drei Wochen ist „abgestanden“.

Da merkte ich, dass das nicht mehr „mein Berufsbild“ war.

Ich habe versucht, dagegen neue Ansätze zu versuchen, z. B. die Pflegevisite. Eine Visite, gestaltet nur mit und von dem Pflegepersonal und mir– mit den Patient*innen ins Gespräch kommen, ihre Anregungen, Wünsche usw. kennenzulernen – das war mir wichtig. Aber um es gut zu machen, war der Zeitaufwand zu groß und darum stellten wir sie wieder ein.

 

Was könnte – was müsste – sich ändern?

Christa: Die Ausbildung in der Pflege hat sich verändert. Lag der Schwerpunkt in den 80er/90er-Jahren auf „Human“ liegt er heute oft mehr auf dem Management. Durch die neue Professionalität bleibt Beziehung sehr oft auf der Strecke, z. B. dem Patienten kurz über die Wange zu streicheln oder seine Hand zu halten. Meine Kolleginnen und Kollegen arbeiten immer nur mit und gegen die Uhr. Das Verhältnis Dokumentation zur tatsächlich wichtigen Arbeit stimmt nicht mehr. Das müsste verändert werden!

 

Irene: Was bleibt von 40 Jahren GGZ?

Christa: Das ich immer eine positive, befriedigende Arbeit hatte. Das ich gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen Patient*innen helfen konnte. Das wir gemeinsam Stärken förderten und Lösungen fanden.

 

Irene: Was begeistert dich im „Ruhestand“?

Christa: Ich genieße es Dinge zu machen, für die ich bis vor kurzem keine oder kaum Zeit hatte: Lesen, z. B. über die Geschichte bzw. die Gesellschaftsformen des 1. und 2. Weltkrieges. Reisen in die Toskana, nach Frankreich in die Normandie – sobald es wieder möglich ist ………. und bald werde ich wieder einen Hund haben.

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